Gesundheitsschäden durch Infraschall vs. Nocebo- Effekt

In der Wissenschaft ist umstritten, ob Infraschallwellen, die von Windkraftanlagen ausgehen, Gesundheitsschäden bei benachbarten Anwohnern verursachen können. Unbestritten ist, dass sich Anwohner vermehrt über Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen und weitere Beschwerden beklagen. 


1. Nocebo- Effekt

Teilweise werden diese Beschwerden mit dem sogenannten "Nocebo- Effekt" begründet.  Er bezeichnet eine Reaktion auf die gerüchteweise die Gesundheit oder das Wohlbefinden nachhaltig beeinträchtigende Wirkung einer umweltverändernden Maßnahme. Der Betroffene hat aufgrund der umweltverändernden Maßnahme eine bestimmte Erwartungshaltung. Diese Erwartungshaltung beeinflusst unbewusst seine Lernmechanismen. So kann bei einem Betroffenen die Befürchtung aufgebaut werden, dass bestimmte äußere Einwirkungen krank machen. Sie erkranken dann auch tatsächlich.


Teile der Wissenschaft verneinen eine (unmittelbare) schädliche Auswirkung von Infraschall auf den menschlichen Organismus. Das bayrische Landesamt für Umwelt kommt in einer Untersuchung zu folgendem Fazit:
Da die von Windenergieanlagen erzeugten Infraschallpegel in der Umgebung (Immissionen) deutlich unterhalb der Hör- und Wahrnehmungsgrenzen liegen, können nach heutigem Stand der Wissenschaft Windenergieanlagen beim Menschen keine schädlichen Infraschallwirkungen hervorrufen. Gesundheitliche Wirkungen von Infraschall sind erst in solchen Fällen nachgewiesen, in denen die Hör- und Wahrnehmungsschwelle überschritten wurde. Nachgewiesene Wirkungen von Infraschall unterhalb dieser Schwellen liegen nicht vor.


2. Unmittelbare Gesundheitsgefahren durch Infraschall

Andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass Infraschallwellen eine umittelbare nachteilige Wirkung auf den menschlichen Organismus haben können, wenn er dieser Belastung langanhaltend ausgesetzt wird. Dänemark war über viele Jahre ein Musterland für den Ausbau von Windkraftanlagen. Mittlerweile wird der Ausbau nur noch mit angezogener Handbremse vorangetrieben, weil sich auch bei Tieren, bei denen ein Nocebo- Effekt nicht vorstellbar ist, negative Änderungen in ihren Verhaltensweisen zeigen. 



3. Keine abschließende wissenschaftliche Klärung

Das Bundesumweltamt empfiehlt nach einer eingeholten Machbarkeitsstudie, weitere Untersuchungen vorzunehmen. Die Studie hält aber auch fest, dass geeignete Messmethoden und Prognoseverfahren für die Festlegung von Zumutbarkeitsgrenzen nicht bekannt sind. Pauschale Ansätze, wie die Festlegung von Mindestabständen, seien ohne fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirkmechanismen der Geräuschquellen nicht sachgerecht.


4. Die Einordnung von Gesundheitsrisiken durch die Rechtsprechung

Die Rechtsprechung will sich bis zum Vorliegen gegenteiliger Erkenntnisse an die bisher vorgeschriebenen Grenzwerte halten. Beispielhaft für viele andere Verwaltungsgerichte teilt das VG Würzburg mit: „Wissenschaftlich begründete Hinweise auf eine beeinträchtigende Wirkung der von Windenergieanlagen hervorgerufenen Infraschallimmissionen auf den Menschen liegen bisher nicht vor. Bei komplexen Einwirkungen, über die noch keine hinreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen, gebietet die staatliche Schutzpflicht aus Art. 2 Abs. 1 GG nicht, alle nur denkbaren Schutzmaßnahmen zu treffen. Deshalb ist der Verordnungsgeber nicht verpflichtet, Grenzwerte zum Schutz von Immissionen zu verschärfen (oder erstmals festzuschreiben), über deren gesundheitsschädliche Wirkungen keine verlässlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen.“ (VG Würzburg Urteil vom 7. Juni 2011, AZ W 4 K 10.754).“ 

Windrad in der Nähe von Rehringhausen


5. Der neue Windenergieerlass des Landes NRW

Der Windkrafterlass der früheren schwarz-gelben Landesregierung sah eine pauschale Abstandsregelung von 1500m zur Wohnbebauung vor. Im derzeitigen Windenergieerlass sind solche pauschalen Abstandsgebote nicht mehr enthalten. Er verweist dagegen auf das BImschG, die TA Lärm und die aktuelle Rechtsprechung des OVG NRW in Münster. Diese Vorgaben lassen eine Anlage mit einer nicht unüblichen Gesamthöhe von 200m im Regelfall in einem Abstand von 600m zur Wohnbebauung zu. 

Link: Windenergieerlass NRW (Ziff. 5.2.2.3 - Seite 33)
"Nach der Rechtsprechung des OVG NRW lassen sich unter Berücksichtigung dieser Kriterien für die Ergebnisse der Einzelfallprüfungen grobe Anhaltswerte prognostizieren: Ist der Abstand zwischen einem Wohnhaus und einer Windenergieanlage geringer als das Zweifache der Gesamthöhe der Anlage, dürfte die Einzelfallprüfung überwiegend zu einer dominanten und optisch bedrängenden Wirkung der Anlage gelangen. Beträgt der Abstand das Zwei- bis Dreifache der Gesamthöhe der Anlage, bedarf es regelmäßig einer besonders intensiven Prüfung des Einzelfalls. Diese vom OVG NRW aufgestellten. Regeln sind Faustformeln, die eine bestimmte Würdigung der Umstände nahe legen, aber die Prüfung des konkreten Einzelfalls nicht entbehrlich machen (siehe auch BVerwG, Beschl. v. 23.12.2010 - 4 B 36/10 -)."
6. Fazit

Im Hinblick auf die nicht geklärten Gesundheitsgefahren halte ich es für ratsam, dort mit dem Ausbau der Windkraft zu beginnen, wo durch weite Abstände zur Wohnbebauung Gesundheitsgefahren von vorneherein ausgeschlossen, oder alle Anwohner mit dem Ausbau einverstanden sind. Mit dem Ausbau in den anderen ortsnäheren Gebieten sollte erst begonnen werden, wenn die Fragen der Auswirkung auf die menschliche Gesundheit geklärt sind. Ein schonender und schrittweiser Ausbau der Windkraft verhindert Gesundheitsrisiken und schafft eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung. Der in der Regionalplanung vorgesehene Maximalausbau verschiebt die Lasten und Risiken einseitig in Richtung der betroffenen Anwohner.